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Tücken der Technik

Etwa vier Jahre lebe ich nun in dem von aussen an einen Atombunker erinnernden Appartmentkomplex. An dieser Stelle will ich nicht über das Fenster an der Südseite lamentieren, was das Leben hier im Sommer unerträglich machen kann, denn weit oben ist es ja bekanntlich wärmer, nein viel mehr die Tatsache dass es der sechste Stock ist, in dem ich (noch) lebe, hat mir gerade in den letzten Wochen viel Kopfzerbrechen bereitet. Denn es gibt zwar einen Fahrstuhl, jedoch ist er durchschnittlich einmal im Monat ausser Betrieb. Ich habe mich stets gewundert, wie das geschehen kann, habe ich doch selbst schon schwere Lasten, wie Sofas darin transportiert.

Auch das laute Lachen eines Freundes, als er die Gravur "Baujahr 1966" sah hat mich nicht mal in geringster Weise zum Nachdenken gebracht. Vermutlich dachte sich Gott - oder eine andere höhere Existenz, so es diese denn gibt - dass soviel Ignoranz bestraft werden muss. Vor etwa zwei Monaten also, nach einem Abend mit viel Branntwein und vielen Zigaretten erschöpfte sich mein Vorrat an letzteren bis zu einem Level, wo keine mehr vorhanden waren. 

Nun bin ich davon überzeugt, dass es vielen Rauchern ähnlich geht wie mir, das meiste ist eine Kopfsache. Wir können im Zweifelsfalle Tagelang ohne Zigaretten auskommen, jedoch nur mit dem stetigen Bewusstsein "Ich kann theoretisch, also keine Panik", wenn Zigaretten, respektive Tabakvorräte vorhanden sind. Geht einem das braune Gold jedoch aus, ist es total egal, ob man gerade erst vor zwei Sekunden die Zigarette ausgemacht hat, es macht sich ein Gefühl des Unwohlseins breit, was in meinem Falle durch ausgiebigen Alkoholgenuss nur verstärkt wurde. Kurz gesagt, das "Ich muss Kippen holen" Syndrom. 

Das 21. Jahrhundert bietet uns glücklicherweise ausser Fahrstühlen noch andere Luxuriositäten, so beispielsweise eine 24 Stunden geöffnete Tankstelle auf der anderen Straßenseite, so dass ich nach dem obligatorischen Kleingeld zusammenkramen - oder war es das Suchen der EC-Karte? Sicher bin ich mir nicht mehr - mich auf meinem Weg nach unten befand, ein leckeres Eis in der Hand haltend. Nun habe ich weiter oben schon über Ignoranz und Sorgenfreiheit gesprochen, eigentlich wäre es ja nicht zu viel verlangt gewesen, sich länger Gedanken zu machen, wenn man ja schon mit den Eigenarten des Fahrstuhls vertraut ist. Nicht nur ist er oft genug kaputt, nein etwa einen Meter vor dem Erdgeschoss stockt er oft, für zwei bis fünf Sekunden, ehe die Fahrt endlich weitergeht. Dementsprechend dachte ich mir im ersten Moment auch nichts, als der alte Fahrstuhl für seine gewohnte Rast anhielt. Nein, ich schmunzelte sogar, als es die letzten Meter nach unten ging. 

Das Schmunzeln verflog allerdings relativ schnell, als die Tür sich nicht öffnen wollte und machte einem sehr ernsthaften Stirnrunzeln Platz. Nun bin ich keineswegs ein Vertreter der Devise alles mit Gewalt zu versuchen, nach dem Motto "Wat nich passt, wird passend gemacht", dennoch entschied ich mich dafür, die Schiebetür brachial.. nunja aufzuschieben eben, um die sich dahinter - beziehungsweise je nach Blickwinkel davor -  "normale" Tür aufzudrücken. Ging natürlich nicht! "Hm..", schoss es mir durch den Kopf "das musste ja irgendwann mal passieren!" und ich grinste wieder. Haute ein paarmal gegen Tür und Wände des kleinen Raumes - etwa ein Quadratmeter - ehe ich dann das tat, was die meisten von uns immer nur mit einem Streich in Verbindung bringen: Den Alarmknopf betätigen.

 Das ohrenbetäubende Piepen ließ mich erschrocken zusammenfahren, so dass mein schönes Eis nun den - meist dreckigen - Boden des Fahrstuhls zierte. Im zweiten Versuch hielt ich mir mit beiden Händen die Ohren zu und betätigte ungelenk den Knopf mit dem Ellenbogen. Nach dem lauten Piepen kam erstmal ein Rauschen, dann andere merkwürdige Geräusche, wie einige von uns sie vielleicht aus Science Fiction Filmen aus der Zeit unserer Großeltern kennen, bis sich dann schließlich eine verzerrte Stimme meldete: "Blablabalbalblbalbalabalba"

Ohne auch nur ein Wort verstanden zu haben meinte ich pflichtbewusst: "Äh ja, moin. Ich steck hier im Fahrstuhl fest.." und noch ehe ich dazu kam, darauf einzugehen, welchen Fahrstuhl ich denn meinte kam gleich die Antwort: "Ja machen sie die Tür nochmal zu und drücken sie ein anderes Stockwerk."

Im ersten Moment war ich so verblüfft, wie man denn eine geschlossene Schiebetür - die natürlich wieder zuging, nachdem ich sie mühsam aufgeschoben hatte - denn schließen könne,  so dass es ein paar Sekunden dauerte, bis ich zu der Einsicht kam, dass das nicht leuchtende Display mich auch nicht andere Knöpfe drücken ließ. "Naja ok, ich schick ihnen wen vorbei, dauert so ca. 20 Minuten", meinte die ominöse verzerrte Stimme und fügte ein freundliches "Bei ihnen alles klar?" hinzu. Ich bemühte mich so freundlich wie möglich zu klingen, denn von "alles klar" war ich ja weit entfernt, auch wenn ich es wohl mit Fassung getragen habe, setzte mich erstmal hin, wohlbedacht meine Hose nicht mit Eis zu besudeln und begann "Bohemian Rhapsody" zu singen, das längste Lied, das ich auswendig kann. Ausserdem ist es ein schönes Lied. 

Zwanzig Minuten. In der Zeit kann man theoretisch Bohemian Rhapsody singen UND noch bis 1000 zählen. Bei etwa 100 hatte ich aber keine Lust mehr und schloss die Augen, öffnete sie eine gefühlte Stunde später wieder, um erneut den Klassiker von Queen zu singen, diesmal - der Vielschichtigkeit des menschlichen Stimmorgans Tribut zollend - in einer anderen Tonlage. Kurz nach dem seichten "Anywhere the wind blows", mit dem dieses Meisterwerk endet, meldete sich mein Freund aus dem Land der rauschenden Stimmen wieder: "Ist der Kollege schon da? Naja sollte bald kommen, fünf Minuten ca."

Besagte fünf Minuten später sprach die blecherne Stimme weiter: "Also der Kollege ist jetzt da, aber wurde bei ihnen irgendwie das Schloss gewechselt? Er kommt nämlich nicht rein.."

Verblüfft schüttelte ich den Kopf, nach einem Moment des Schweigens realisierte ich - nicht ohne eine gewisse Erleichterung - das in einem vierzig Jahre alten Fahrstuhl sicherlich keine Kameras eingebaut sind und antwortete, dass der "Herr Kollege" einfach jemanden wachklingeln müsse, schob erneut in einem Kraftakt die Tür auf und sah einen ratlosen Mann vor der Haustür stehen, der mit den Schultern zuckte. Ich tat es ihm gleich, nahm die Finger von der Tür, so dass sie sich wieder krachend zuschob. 

Sein ausserirdischer Kollege - denn mittlerweile war ich fest davon überzeugt, dass er aus einem Ufo zu mir sprach - war anscheinend ebenso ratlos, denn nach dem Motto "aller guten Dinge sind drei" fügte er dem unglaublich dämlichen Ratschlag, die Schiebetür zu schließen und der unglaublich dämlichen Frage, ob es mir gut ginge, noch ein unglaublich dämliches "Wer könnte denn noch wach sein um diese Zeit?" hinzu.

Nun wohne ich zwar seit geraumer Zeit hier, kann aber die Kontakte mit meinen Nachbarn, die sich auf gelegentliches Grüßen im Treppenhaus beschränken an zwei Händen abzählen - die lauten Paarungsgeräusche meiner neuen Nachbarin mal aussen vor - so dass ich natürlich keine Antwort geben konnte. "Nun gut, er versuchts mal, ansonsten schick ich 'nen zweiten Kollegen vorbei, das kann aber 'ne dreiviertelstunde dauern."

Als jemand der weder eine Uhr, noch ein Handy bei sich trägt, konnte ich natürlich nur anhand der - mit Sicherheit durch Alkohol getrübten - Einschätzungen und Kalkulationen davon ausgehen, dass es mittlerweile irgendwas nach drei Uhr (nachts) sein musste. Seufzend ließ ich mich erneut nieder, bis letztenendes der beste Freund des Menschen - wenn man die Frau mitzählt, logischerweise nur der zweitbeste - mich rettete. 

Ja in diesem Haus, in dem es so strikt verboten ist, Tiere zu halten, in dieser Anhäufung von kleinen Ein-Zimmer Wohnungen hatte doch tatsächlich jemand einen Hund! Wer sonst kommt sonst auf die Idee, nachts um drei das Haus zu verlassen? 

Ende gut alles gut, die Tür öffnete sich, ein sehr vertraut wirkendes Gesicht grinste mich an, ich kann bis heute nicht sagen, an wen der Techniker mich erinnerte, aber es liegt mir quasi auf der Zunge. Peter Lustig war es nicht, das wäre mein erster Tipp gewesen, aber er wirkte wie gesagt sehr vertraut. "Sie sind meine Rettung", seufzend bahnte ich mich lächelnd an ihm vorbei und schlenderte euphorisch zur Tankstelle, gewillt mein Missgeschick nicht nur mit Tabak, sondern auch mit einigen Dosen Bier zu ertränken! 

Wenige Minuten später, verließ ich das Tankstellengebiet mit der Hose vollgestopft mit kühlen Kanistern und einer Packung Tabak, aus der ich gleich eine Handvoll nahm, um mir eine Zigarette zu drehen. Ein Fehler, wie ich daheim feststellen sollte, denn auf dem fünf Minuten dauernden Heimweg hatte ich das Objekt meiner Begierde, die Ursache meiner Gefangenschaft, die köstliche 30 Gramm Packung Pall Mall... VERLOREN!

 

 Aus diesem Fehler sollte ich erst Wochen später lernen - in mehrfacher Hinsicht - doch davon nächstes Mal mehr, in: "Tücken der Technik II" (ich weiß, "Wunder der Technik" steht auch noch aus, genau wie das an dieser Stelle angekündigte "Zwischen Angst und Adrenalin - eine wahre Schnapsidee", aber an dieser Stelle erstmal eine Zäsur.

 

beelzebub has a devil put aside for me!

 

Yilmaz

3.9.09 15:54


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